1. Einleitung und Zielsetzung
Die Vorlesung an der Uni Krems vermittelte umfassende Einblicke in die Gestaltung anpassungsfähiger Organisationen, die in hochdynamischen Märkten bestehen müssen. Dabei wurde anhand eines praktischen Beispiels aufgezeigt, wie theoretische Modelle aus der Organisationsentwicklung in realen Unternehmensstrukturen Anwendung finden können. Im Fokus stand die Verbindung von Flexibilität und Agilität mit einer nachhaltigen Führungskultur, um sowohl kurzfristige Marktanforderungen als auch langfristige Unternehmensziele in Einklang zu bringen.
2. Marktumfeld und Ausgangslage
Das betrachtete Marktumfeld ist durch eine Reihe von Herausforderungen gekennzeichnet: globale Konkurrenz, hohe Innovationsgeschwindigkeit, wechselnde Kundenanforderungen und eine komplexe Projektlandschaft. Besonders im Bereich der kundenspezifischen Softwareentwicklung ist der Wettbewerb intensiv, da es kaum Marktnischen gibt. Kunden agieren teilweise zugleich als Wettbewerber, was die Zusammenarbeit und strategische Ausrichtung zusätzlich erschwert. Diese Faktoren verlangen von Organisationen eine hohe Anpassungsfähigkeit und die Fähigkeit, auch unter unsicheren Bedingungen verlässlich zu operieren.
3. Theoretische Grundlagen
Diese Modelle bilden das Fundament für die organisatorische Ausrichtung:
Spiral Dynamics:
Ein Entwicklungsmodell, das Organisationen in Reifestufen einordnet. Die Positionierung auf der Stufe Blau mit Tendenz zu Orange signalisiert einen hohen Grad an Struktur und Effizienz bei gleichzeitiger Offenheit für Innovation.
4 Quadranten Betrachtung:
- Wichtig bei Besetzung von relevanten Positionen (Ich)
- Je besser das Individuum „Links Oben“ zur Position passt desto besser
- Wichtig bei der Formung von Strukturen und Prozessen
- Die richtige Arbeit im „rechts unten“ formt und hilft „links unten“
Verdeutlichen, wie eng die Architektur einer Organisation mit der ihrer Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen verknüpft ist. Das „Inverse Conway Maneuver“ nutzt diesen Zusammenhang, um Teams proaktiv an die gewünschte technische Architektur anzupassen.
Die beiden oben genannten Prinzipien (DDD und Conway’s Law) sind zwar nur im Bereich der Softwareentwicklung relevant, gelten jedoch auch für fast alle anderen Geschäftsbereiche, insbesondere wenn diese Bereiche in Richtung Digitalisierung streben.
Informatik Exkurs: Grundlagen zum Verständnis der Praxis
- DDD (domain driven design) ist ein grundlegendes Konzept um „microservices“ die von eigenen Scrum Teams vollumfänglich (mittels DevOps) umgesetzt werden, aufzuteilen (details)
- Wichtiges Element bei DDD: „Eine Sprache, welche um die Anwendungsdomäne strukturiert ist, und von allen Teammitgliedern verwendet wird, um alle Aktivitäten des Teams mit der Software zu verknüpfen.“
- Conways Law: „Organizations which design systems […] are constrained to produce designs which are copies of the communication structures of these organizations.“ Melvin E. Conway – 1968 DevOps everywhere
→ „Inverse Conway Maneuver“
(bei uns schon immer aber den Begriff gibt es formell erst seit ca. 2010 – Quelle ThoughtWorks)
DDD Buch von Eric Evans von 2003
- Dr. Peter Rodgers „Micro-Web-Services“ 2005, seit 2011 „Microservices“
4. Agile Umsetzung und Organisationsmodell
- Rollenbasierte Aufgabenverteilung mit eindeutigen Verantwortlichkeiten.
- Projektdefinition, die mindestens ein konkretes Kundenproblem, einen abgestimmten Zeitplan und einen klaren Vorgehensplan umfasst.
- Anpassung der Prozesse an die jeweilige Projektgröße und -komplexität (vom Kleinstprojekt bis zu sehr großen Vorhaben).
- Einsatz des Inno-Tec Project Lifecycle (ITPL) als Rahmenprozess, der vom Kick-off bis zur Lieferung alle Phasen abbildet.
- Nutzung von Scrum-Methoden für kontinuierliche Verbesserungen und eine enge Zusammenarbeit zwischen Teams und Kunden.
5. Führung und Verantwortlichkeiten
Ein zentrales Element der Organisationsgestaltung ist eine Führungskultur, die auf Vorbildfunktion, Vertrauen und Unterstützung basiert. Führungskräfte sollen nicht primär kontrollieren, sondern Rahmenbedingungen schaffen, in denen Mitarbeitende eigenverantwortlich arbeiten können. Die Verantwortlichkeiten sind klar zugeordnet: O/F/T-Verantwortliche (Organisatorische, Fachliche, Technische Verantwortung) verteilt auf 1-3 mitarbeitende, tragen die Gesamtverantwortung für ein Projekt im sogenannten Core Team, während Project Cluster Leaders (PCLs) mehrere Projekte bündeln und strategisch steuern.
6. Eigenverantwortung und Personalstrategie
Eigenverantwortung wird als wesentlicher Erfolgsfaktor betrachtet. Sie entsteht in einem Umfeld, das Fehler als Lernchance begreift und gleichzeitig klare Strukturen vorgibt. Die Personalstrategie setzt auf Mitarbeitende, die mehrere Rollen ausfüllen können (Multi-Role) und über umfassende technische und organisatorische Kompetenzen verfügen (Fullstack). Falls erforderlich, werden für sehr spezialisierte Aufgaben externe Fachkräfte eingesetzt.
7. Controlling und Entscheidungsfreiheit
Ein transparentes Kennzahlensystem (KPIs) ermöglicht es den Teams, Entscheidungen eigenständig zu treffen und den Projektfortschritt laufend zu überwachen. Eingriffe des zentralen Controllings sind nur notwendig, wenn Abweichungen oder Probleme auftreten. Dadurch entsteht eine Balance zwischen Selbstorganisation und zentraler Steuerung.
8. Toolchain und Digitalisierung
Die digitale Infrastruktur unterstützt die agile Arbeitsweise entscheidend. Confluence wird als zentrale Wissensplattform genutzt, während Jira das Projektmanagement, die Aufgabenverteilung und die Fortschrittskontrolle ermöglicht. Individuell entwickelte Plugins wie z.B. der Inno-Tec CoPilot erweitern die Funktionalität und passen die Systeme an spezifische Bedarfe an.
9. Übertragbarkeit auf andere Branchen
Eine Fallstudie zeigte, wie die beschriebenen Prinzipien auch in anderen Branchen umgesetzt werden können. Am Beispiel einer Schreinerei wurde deutlich, dass agile Strukturen und klare Verantwortlichkeiten auch in handwerklich geprägten Umfeldern zu Effizienzsteigerungen und höherer Anpassungsfähigkeit führen können.
10. Fazit
Nachhaltiger Erfolg in komplexen Märkten beruht auf einer Kombination aus klaren Strukturen, agilen Methoden, einer gelebten Fehlerkultur und einer leistungsfähigen digitalen Infrastruktur. Diese Prinzipien sind branchenübergreifend für alle Dienstleistungsorientierten (Manufaktur) Firmen anwendbar, sofern sie an die jeweiligen Rahmenbedingungen angepasst werden.